Wartezimmer

und als Sitzgarnitur

Abbildung der Deutschen Bank von Karl Valentin 1923 (Valentimuseum, München)

Ich hatte lange gezweifelt ob die Deutsche Bank von Schwitters oder Valentin war – und ich meine sogar vielleicht, beide haben damit etwas zu tun… denn das Merz von der Deutschen Commerzbank (als Commerz- und Diskontbank 1870 in Hamburg gegründet) ist ja auch eine (Frankfurter) Bank, (aber kein Frankfurter) wenn auch nicht so gemütlich wie die andere… auf jeden Fall ist es eine Bank die mich schon seit der Studienzeit interessiert – vielleicht hatte ich doch Ökonomie studieren sollen wie mein vater es gerne gehabt hatte… statt Ökologie und Marginalität…

Besucherraum

Die erste Tischkante an der ich mich stieß war die vom Kurt.

Ryslavy versteht sich, auf der ‘artistprint X’ im ‘Maison de Culture’ von Schaarbeek, eine Brüsseler Gemeinde. Ich wolle natürlich alle seine Publikationen anschaffen, aber würde mir selbst eine Falle setzen und meine doch schon ausreichende Sammlung weiter ergänzen, was ich unbedingt nicht will. Doch kaufe ich mir eines seiner Broschüren für den besonders reduzierten Preis – meide aber strengstens den Versuch mir eines der anderen Broschüren gratis unterzujubeln; denn ich weis: nichts ist gratis, ja habe ich von ihm selbst gelernt.

– Brochure zur KEIKU-Serie, Van Schaijk Galerie s’Hertogenbosch 2018

(doch war ich sehr zufrieden mit meinen Kauf, und etwas ärgerlich dass ich doch nicht auf das Angebot eingegangen war… es hätte ja zu interessantes führen können…)

Nicht viel später gingen wir dann während einem etwas surrealen Spaziergang bis Koekelberg wo Kurt ansässig ist und wo er mit Suchan Kinoshita ein örtliches Kulturhaus (Maison Strepman) mit künstlerischen Werken bestücken durfte… denn er kann es nicht lassen, nach wie vor produziert er eigens gebastelte Stücke… also Malerei kann man es wohl nennen, doch im Schwitterischen Sinn: Meta-konstrukte aus gefundenen Landschaften, Stillleben und Genreszenen, die durch Modifikation zum Sammelstück jedes Liebhabers werden. In erster Instanz noch Klassik: Quittungsmalerei im Dialog mit Fingerübungen (oder Pinselübungen) formeller Art: verschiedene Auftragsweisen von Ölfarbe auf Leinwand, die dann, in der nächsten Phase nicht etwa gegen die Wand, doch aneinander geklatscht werden. Der Rorschach-effekt der dabei entsteht gilt als Summum diese Dialogs (oder der Dialektik?) und die Factura der Farbe als Räumliches Überbleibsel dieser synaptischen Bewegung…

Steckschaumkatze von S. Kinoshita und Falsches Diptychon von K. Ryslavy (ca. 2015)

Dazu die müßig zuschauenden hydroponischen Katzen aus Kunstharz Schaumstoff, also grüner Blumensteckschaum… (ein Phenol-Formaldehyd-Gemisch es sei denn biologisch aus Basaltmehl und Rübenzucker, da…. “kompostierbar” kein eindeutig definierter Begriff ist. Damit ist nicht unbedingt eine “biologische Verrottung” auf dem heimischen Komposthaufen gemeint. Mit “kompostierbar” kann auch die Notwendigkeit eines komplexen industriellen Zersetzungsprozesses gemeint sein. Bei der Verarbeitung von Steckschaum (Zuschneiden, Wässern etc.) entsteht feiner Staub, bzw. kleinste Plastikteile, die als Mikroplastik bezeichnet werden können. Bei der Entsorgung des Wassers entweichen die Mikroplasten in die Umwelt. )

Also weniger niedlich als man so meinen sollte, dennoch sind die Gebilde von Suchan berührend, und sind die verschiedenen Positionen der Katzenfiguren sehr erkennbar, sicherlich für den Katzenliebhaber, auch wenn es sich hier um Abstraktion handelt: die Frage nach dem Ausdruck wird mit der Tatsache des Eindrucks erklärt; durch Impressionen wird der unbelebte Schaumstoff zur Nachahmung erkennbarer Lebensformen… Skulptur im traditionellem Sinne, welches dann auch noch leckt…. Im Gedankensprung kann man vor einer Täuschung reden: die Katze leckt sich nicht, sie leckt (tout court) …

Zurück zum Ryslavy – seine Technik mit dem dicken impasto erinnert mich an eine frühere Freundin, sie malte direkt aus de Tube, so dick wie möglich, und zwar mit de teuersten Farben… (Lefranc & Bourgeois, Blockx, Sennelier, Windsor-Newton, etc) und am liebsten auch mit den teuersten Farben… (Vermillion Lake, Emerald Grreen, Ultramarine aus Afghanischen Lapislazuli…) denn sie meinte, mit einen vermutlichen Spruch von Orson Welles sei alles zu bändigen – „I owe 100 000 Dollars, why should I skimp on Cigars?“… Man kann sich dann auch vielleicht vorstellen, dass das zusammengefügte von groß und klein(er) Doppelmalerei den Wert um ein Halbfaches steigert… so etwa wie ein Bonus, das Gefühl mehr als einem zukommt zu ergattern. Auch ist der Mehrwert sehr geringfügig, hat man doch den Eindruck ein Schnäppchen gemacht zu haben. Er selbst nennt sie Diptychon, doch das leuchtet uns wenig ein: es ist kein gleichwertiger Zweiteiler, sondern eher dysfunktionale Einheit: Sezession als Handlung.

Über Eindruck und Ausdruck haben wir uns ja schon ausgesprochen, doch der Abdruck der hier, wie erwähnt, in Rorschacher weise dargestellt wir ist fraglich in dem Sinne ob es wohl einer Therapie zugute kommen könnte… man stelle sich vor mit so einem Doppelbild vom Kurt auf de Couch von Freud; und was man dann dazu sagen könnte… und was dieses dann bedeuten würde… also ich kann mir da kaum ein Szenario ausmalen, – mir fällt nur der Freudianische Ausdruckstanz eines fiktiven Hundes ein. (also keine Katze)

Wieder bei der Katze angekommen haben wir vernommen das Suchan nur eine hat, nicht wie vermutet eine ganze Schar… Zusammen mit Etienne Wynants überlegten wir uns mögliche historische Einflüsse in den Arbeiten von Kurt, wobei wir auch über seine Person spekulierten, ob in seiner Genealogie vielleicht K.u.K. Blut floss, oder in seinen Genen gar was außerirdisches… Zum Abschluss bot Suchan noch farbenreiche Promo-broschüren an in der Arbeiten von ihrer Schüler in Münster angeboten wurden zu extrem günstigen Preisen… als Benefizaktion für eine Reise nach Japan… dabei musste ich denken an Yoko Ono in ihrem Fieberbett in 1945, als sie zuguckte wie Tokyo brannte, schlimmer als Dresden, mehr Tote als Nagasaki – hatte ich kurz zuvor gelesen… und dachte mir: ‘da ist sowieso nichts von früher übrig’, – als hätte ich die Knete um dort mal hin zu fahren…

zwei Steckschaum-katzen von S. Kinoshita